Andreas Fenske im Interview

Beitrag von MÖBELMEILE

Andreas Fenske im Interview

Das Wort Zuhause hat keinen Plural. Für Andreas Fenske aber schon: Er lebt in der Stadt, auf dem Land und zwischendurch auch mal im Camper. Das macht ihn zum perfekten Gesprächspartner, wenn man auf der Suche nach der Seele des Zuhauses ist – zumal er darüber hinaus seinen Lebensunterhalt als Möbeltischler verdient und dabei so einiges davon mitbekommt, wie sich die Menschen ihr individuelles Zuhause gestalten.
 

Andreas Fenske – Der Schreiner mit den drei Zuhause

Ob Möbelhersteller, andere Branchenprofis oder Privatleute – bei einer Frage ähneln sich die Antworten auffällig. Auch der Schreiner Andreas Fenske bildet hier keine Ausnahme. Auf die Frage, was für ihn das Zuhause ausmacht, sagt er: „Zuhause ist für mich der Ort, an dem ich mich wohlfühle. Dort kann ich mich in meiner gewohnten Umgebung zurückziehen.“ Schutz, Geborgenheit, Wohlfühlen – das ist, was die meisten Menschen von ihrem Zuhause erwarten. Doch ab hier trennen sich die Wege: „Geschmäcker sind verschieden“, merkt Andreas Fenske nüchtern an. Der Hamburger sitzt vor seiner Werkstatt mit angeschlossenem Wohnraum in Neuenkirchen in der Lüneburger Heide, etwa 80 Kilometer vor den Toren der Hansestadt. Statt Autolärm und Häuserschluchten hört man hier nur die Bewohner der benachbarten Pferdekoppel, ein paar Vögel und blickt auf Obstbäume. Aufs Land gezogen ist Andreas Fenske mit seiner 1-Mann-Firma Woodworks nicht etwa, weil ihn das Landleben besonders gereizt hätte: „Miete und Pacht wurden in Hamburg immer teurer. Damit ich nicht eines Tages dastehe und nicht mehr kann, habe ich mir gedacht: Dann suchst du eben außerhalb. Etwas später habe ich diesen Ort gefunden.“ Durch eine kleine Anliegerwohnung kommt man in die 200 Quadratmeter große Werkstatt, die sich Andreas Fenske in einem ehemaligen Kartoffelspeicher eingerichtet hat.

Land beruhigt
Was aus praktischen Gründen begann, hat sich zum echten Glücksfall entwickelt. Gerade jetzt, in Corona-Zeiten, ist auffällig, dass der urbane Raum viele seiner Vorteile verloren hat. Restaurantbesuche, Konzerte, Kinos, Bars – alles, was die Menschen in die quirligen Metropolen gezogen hat, ist dicht. Dementsprechend steigt das Interesse an ländlichen Immobilien. Andreas Fenske hat die Vorteile des Landlebens allerdings schon vorher kennengelernt. Er pendelt seit etwa zwei Jahren zwischen seiner Stadtwohnung in Hamburg-Eimsbüttel und Neuenkirchen: „Am Anfang war die eine Stunde, die ich pendeln muss, eben der Preis für die Entscheidung. Mittlerweile bin ich sauglücklich, und meine Frau und ich sind viel häufiger hier, als es anfangs gedacht war. Hier gibt es keine Straßenlaterne, nachts ist es wirklich dunkel. Das Hintergrundrauschen, das man in Hamburg immer hat, diese Grundaggressivität vor allem im Verkehr – auf dem Land ist das alles weg. Das macht viel ruhiger.“ So kam es, dass Andreas Fenske eher per Zufall zwei Wohnsitze hat. Das Beste aus zwei Welten sozusagen. In der Stadt gibt es, zumindest in normalen Zeiten, Kultur, Theater und Konzerte, auf dem Land Natur und Ruhe. Unterscheiden sich denn auch die Einrichtungen? „Auf dem Land ist alles etwas spartanischer. In der Stadt bin ich vollständig eingerichtet. Aber ich vermisse hier nichts. Auch weil das Leben auf dem Land anders ist und sich mehr draußen abspielt.“

 
Einrichtung muss mit der Zeit wachsen
Ob spartanisch auf dem Land oder komplett eingerichtet in der Stadtwohnung, Andreas Fenske hat hinsichtlich des Einrichtungsstils seine sehr eigenen Vorstellungen: Für ihn muss die Einrichtung mit der Zeit wachsen. Das richtige Möbel gehört an den richtigen Fleck und er kombiniert gerne Alt und Neu. Da kann er es manchmal auch ein paar Jahre mit einem Provisorium aushalten, bis ihm das richtige Stück unterkommt. „Ich bin ein Ästhet und habe immer eine sehr bestimmte Vorstellung, was wohin passt. Zum Glück bin ich ja Handwerker und kann mir einiges selbst anfertigen. Bei allem anderen, wie beispielsweise Sofas oder Lampen, ist es bei mir oft so, dass das, was mir gefällt, sehr teuer ist. Ich sehe etwas Bestimmtes, schaue nach dem Preis und denke: Das ist ja mal wieder typisch.“

„Es muss erkennbar sein: Hier leben Menschen.“
Bei der Einrichtung geht es für ihn nicht um Luxus. Um Qualität ja, um Stil ja, aber nicht ums Zurschaustellen. „Möbel machen viel aus. Sie spielen eine große Rolle, um das Zuhause zum Zuhause zu machen“, sagt er und kommt auf sein Eingangszitat zurück: „Geschmäcker sind verschieden. Ich erlebe manchmal bei der Arbeit, dass ich irgendwo reinkomme und denke, ich bin in einem Showroom gelandet. Die Einrichtung ist oft sehr teuer, aber es fehlt eben eine Linie und persönlicher Stil. Man kann nicht erkennen, dass da gewohnt wird. Das ist für mich wichtig: Bei allem muss erkennbar sein, hier leben Menschen. Es muss nicht perfekt sein, es darf auch mal etwas rumliegen.“ Als Tischler lässt sich Andreas Fenske auf die Kundenwünsche ein, welche es auch immer sein mögen. Doch manchmal versucht er auch ein wenig einzuwirken – was wiederum von den meisten dankbar aufgenommen wird. Dass der Wunsch nach individuellen Möbeln zugenommen hat, kann er aus seiner Erfahrung nicht unbedingt bestätigen. „Das mag so sein, aber ich mache das ja schon seit über 20 Jahren, und wer zum Tischler geht, um sich Möbel bauen zu lassen, wollte schon immer Individualität. Auch das ist eine Frage des Geldes: Die erste Wohnung hat man vielleicht noch mit Ikea eingerichtet, irgendwann, wenn dann etwas mehr Geld da ist, will man sich etwas Schönes gönnen und ruft beim Tischler an.“

Tischler-Unikat oder Möbelhaus
Die Vorteile von Möbelhäusern sieht er auch: Die Möbel seien schnell greifbar und man könne sie vorher ansehen. „Beim Tischler muss man Zeit mitbringen und warten. Doch das hat auch einen positiven Effekt: Das fertige Möbelstück ist etwas Besonderes, man hat auch noch Jahre später Freude daran, weil es genau das ist, was ich mir damals gewünscht habe.“ In seinem dritten Zuhause, einem Wohnmobil, macht Andreas Fenske genau an dieser Stelle allerdings Abstriche: Die Einrichtung besteht aus Systemkomponenten. Zuhause fühlt er sich in dem Heim-auf-Zeit dennoch: „Wir haben ein Vorzelt, das zu uns passt, die Kleinigkeiten, die man auf der Fahrt so braucht. Für Individualismus ist im Wohnmobil nur eingeschränkt Platz.“ Doch dafür hat Andreas Fenske ja noch seine beiden anderen Zuhause.